Die Serie Orbit 360 verbindet lange Gravel-Runden, Eigenverantwortung und einen klaren Community-Gedanken. Wer hier startet, bekommt keine sterile Rennkulisse, sondern eine Mischung aus Abenteuer, ehrlicher Belastung und gut planbaren Tagesetappen. Genau darum geht es in diesem Artikel: was das Format ausmacht, wie die Teilnahme funktioniert, welche Strecken zu welchem Niveau passen und worauf ich bei Bike, Verpflegung und Navigation achten würde.
Die wichtigsten Punkte auf einen Blick
- 2026 umfasst die Serie 23 Routen in ganz Deutschland; die Routen werden im Mai veröffentlicht und zwischen Juni und Oktober gefahren.
- Es gibt keine klassische Startgebühr, sondern ein donationsbasiertes Modell ohne Zeitlimit.
- Für die Wertung musst du die abgeschlossene Fahrt in Komoot taggen; gewertet wird die Summe der besten zehn Orbits.
- Die Strecken sind lang genug, um Ausdauer, Pacing und Ernährung ernst zu nehmen, aber kurz genug, um sie an einem sehr langen Tag zu fahren.
- Wichtiger als Renngier sind saubere Planung, ein verlässliches Setup und ein realistischer Blick auf das eigene Tempo.
Was die Serie eigentlich ausmacht
Ich würde die Serie nicht als klassisches Rennen lesen. Sie ist eher ein selbstorganisiertes Gravel-Format mit klarer Community-DNA: entstanden aus der Pandemie, getragen von Scouts und Fahrern, und gedacht für Menschen, die lange Strecken fahren wollen, ohne dafür in ein Großevent mit abgesperrter Strecke zu gehen. Laut den aktuellen Angaben haben bereits über 5.000 Fahrer teilgenommen, mehr als 100 Orbits wurden von der Community gescoutet und die Spenden haben inzwischen eine beachtliche Summe erreicht.
Der Reiz liegt für mich genau in dieser Mischung aus Freiheit und Struktur. Du wählst eine Route, planst deine Versorgung selbst und fährst ohne Begleitfahrzeug, ohne feste Zeitnahme und ohne die Erwartung, dass dir unterwegs jemand alles abnimmt. Das Format belohnt Eigenständigkeit, nicht Bürokratie. Wer lange Bikepacking-Tage mag, fühlt sich hier schnell zuhause. Wer dagegen ein glattes, voll betreutes Rennen erwartet, wird die Serie vermutlich falsch einordnen.
Für deutsche Fahrer ist das besonders attraktiv, weil die Herausforderung nicht an einer Fernreise hängt. Abenteuer entsteht hier nicht durch exotische Logistik, sondern direkt vor der Haustür. Genau daraus ergibt sich auch die praktische Frage, wie die Teilnahme im Alltag eigentlich funktioniert.
So läuft die Teilnahme in der Praxis ab
Der Einstieg ist überraschend unkompliziert. Es gibt keine offizielle Registrierung, du suchst dir eine Strecke aus und fährst los. Wenn du in die Wertung möchtest, musst du die abgeschlossene Tour in Komoot als Teilnehmer markieren. Die Anmeldung, das Taggen und die Rangliste sind also eher ein schlanker Community-Prozess als ein klassischer Wettkampf-Check-in.
| Schritt | Was das konkret bedeutet | Worauf ich achten würde |
|---|---|---|
| Route wählen | Die Übersicht kommt im Mai, gefahren wird von Juni bis Oktober. | Vor allem Höhenmeter und Untergrund prüfen, nicht nur Kilometer. |
| Route laden | Die aktuelle Version sollte am besten am Vortag auf dem Gerät sein. | Bei Bauarbeiten oder Sperrungen kann es kleine Anpassungen geben. |
| Losfahren | Du startest an deinem gewählten Punkt und organisierst die Fahrt selbst. | Verpflegung, Pausen und Nachschub vorab realistisch planen. |
| Taggen | Erst die abgeschlossene Fahrt wird in Komoot markiert. | Nicht die geplante, sondern nur die wirklich beendete Runde taggen. |
| Wertung | Die Wertung basiert auf den besten zehn Orbits. | Wer mehrere Strecken fährt, profitiert von Konstanz statt Einzelaktionen. |
Für Duo- oder Teamfahrten gilt das gleiche Prinzip: Jeder Fahrer muss separat markiert werden, wenn er in die Rangliste möchte. Das ist wichtig, weil der soziale Charakter des Formats zwar ausdrücklich gewollt ist, die Wertung aber trotzdem sauber bleiben soll. Die Serie will Gemeinschaft fördern, ohne sportliche Fairness zu verlieren. Im nächsten Schritt lohnt sich deshalb der Blick auf die Strecken selbst, denn dort entscheidet sich, ob dein erster Orbit eher kontrolliert oder brutal wird.

Welche Strecken zu deinem Niveau passen
Die Routeübersicht für 2026 zeigt sehr unterschiedliche Profile. Offiziell ist von 23 Routen in ganz Deutschland die Rede, und die Strecken reichen von moderaten, gut fahrbaren Tagen bis zu deutlich anspruchsvolleren Höhenmetern. Ich würde deshalb niemals nur auf die Distanz schauen. Ein Orbit mit 152 Kilometern kann mit 3.200 Höhenmetern härter sein als eine längere, aber flachere Runde.
| Route | Region | Distanz | Höhenmeter | Einordnung |
|---|---|---|---|---|
| Hyperspace Express | Lüneburger Heide | 221 km | 1.200 hm | Lange, eher rollende Ausdaueretappe |
| Kashyyyk Moon | Münsterland | 202 km | 1.710 hm | Guter Mix aus Länge und moderatem Klettern |
| Leine Satellites | Hannoveraner Süden | 183 km | 2.060 hm | Schon deutlich hügeliger, aber noch gut planbar |
| Baltic Bash | Mecklenburg und Ostsee | 167 km | 850 hm | Interessant für einen ersten, weniger alpinen Versuch |
| Castor Circle | Sauerland | 152 km | 3.200 hm | Kurz auf dem Papier, brutal im Profil |
Genau diese Spannbreite ist der eigentliche Mehrwert des Formats. Du kannst dir eine Runde suchen, die zu deinem aktuellen Zustand passt, statt dich sofort auf die härteste Option zu stürzen. Ich würde bei der Auswahl zuerst auf das Höhenprofil achten, dann auf die Untergrundanteile und erst danach auf die Kilometer. Wer den Anstieg unterschätzt, verliert früher als jemand, der nur die Distanz falsch liest. Damit die Strecke nicht zum Materialtest wird, braucht das Bike selbst ein sauberes Setup.
So rüstest du dein Bike für lange Gravel-Tage sinnvoll aus
Für 150 bis 200 Kilometer auf Schotter zählt nicht das extravaganteste Teil, sondern das, was zuverlässig funktioniert. Ein solides Gravelbike mit ausreichend Reifenfreiheit ist die Basis. Ich würde bei solchen Runden Tubeless fahren, wenn das System sauber eingerichtet ist, weil du damit Komfort und Pannenschutz besser zusammenbringst. Je nach Rahmen und Untergrund sind 40 bis 45 Millimeter ein sehr brauchbarer Bereich; auf raueren Strecken darf es auch etwas mehr sein, wenn die Geometrie das hergibt.
| Bereich | Praktische Empfehlung | Warum es zählt |
|---|---|---|
| Reifen | 40 bis 45 mm tubeless, bei grobem Untergrund eher breiter | Mehr Komfort, bessere Traktion, weniger Stress auf langen Passagen |
| Übersetzung | Leichter Berggang statt zu harter Rennabstufung | Hilft ab etwa 1.500 bis 2.000 Höhenmetern spürbar |
| Kontaktpunkte | Sattel, Lenkerband und Handschuhe vorab testen | Taube Hände oder Druckstellen ruinieren den zweiten Streckenhälfte |
| Verpflegung | Genug Platz für Riegel, Gel, Trinkflaschen und eine kleine Reserve | Unterversorgung ist bei Ultradistanz fast immer ein größeres Problem als Materialbruch |
| Navigation | GPX offline, Zusatzakku oder Powerbank, Display mit guter Ablesbarkeit | Die Route kann angepasst werden, deshalb musst du stets aktuell bleiben |
Beim Setup sehe ich in der Praxis immer wieder denselben Fehler: Fahrer packen zu viel ein und fahren dadurch träge, oder sie fahren zu minimalistisch und fehlen dann bei Regen, Kälte oder einer längeren Pause auf den letzten Kilometern. Für mich ist die vernünftige Mitte klar: genug Reserve für einen langen Tag, aber keine Ausrüstung, die das Bike unnötig schwer und unruhig macht. Weniger Gewicht hilft nur dann, wenn dir unterwegs nichts fehlt. Noch wichtiger als das Material selbst ist allerdings, wie du den Tag einteilst und versorgst.
Tempo, Verpflegung und Navigation unter Eigenregie
Auf solchen Strecken gewinnt selten der Fahrer, der am Anfang am lautesten wirkt. Entscheidend ist ein Tempo, das du nach drei bis vier Stunden noch halten kannst. Ich würde die erste Hälfte bewusst ruhiger angehen und erst dann Druck machen, wenn klar ist, dass Beine, Magen und Kopf stabil bleiben. Bei langen Schottertagen ist Konstanz fast immer wertvoller als ein einzelner starker Abschnitt.
Bei der Ernährung hilft ein einfaches Schema mehr als komplizierte Experimente. Für viele Fahrer funktionieren 60 bis 90 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde, sofern der Magen das mitmacht. Dazu kommen je nach Temperatur ungefähr 500 bis 750 Milliliter Flüssigkeit pro Stunde, an heißen Tagen auch deutlich mehr. Ich würde nicht warten, bis Hunger oder Durst spürbar werden, sondern in festen Abständen essen und trinken, bevor der Leistungseinbruch kommt.
- Alle 20 bis 30 Minuten etwas zuführen, statt nur in großen Blöcken zu essen.
- Auf einfache, gut verträgliche Lebensmittel setzen, nicht auf kulinarische Experimente.
- Bei längeren Pausen die Flaschen und die Speicher im Gerät direkt mitprüfen.
- Navigation offline vorbereiten, damit Funklöcher und leere Akkus nicht zum Problem werden.
- Die Route am Vortag laden, weil einzelne Abschnitte aufgrund von Baustellen oder Sperrungen angepasst werden können.
Gerade wenn du auf die Wertung fährst, ist sauberes Fahren wichtiger als Abkürzungen. Die Serie sieht für fehlende Streckenanteile eine Strafe vor, und genau deshalb sollte die Route nicht improvisiert werden. Der sichere Weg ist fast immer der schnellere: lieber etwas konservativer fahren, dafür die Runde ohne Chaos zu Ende bringen. Der letzte Punkt ist dann die ehrliche Frage, ob dieses Format überhaupt zu deinem Fahrertyp passt.
Drei Entscheidungen, die deinen ersten Start leichter machen
Wenn ich jemandem den Einstieg in dieses Format erklären müsste, würde ich nicht mit Heldengeschichten anfangen, sondern mit drei einfachen Entscheidungen. Erstens: Wähle eine Route, die zu deinem aktuellen Level passt, nicht zu deinem Wunschbild. Zweitens: Fahre das erste Mal mit einem Setup, das du schon auf längeren Touren getestet hast. Drittens: Behandle die Runde als langen, kontrollierten Tag auf dem Rad und nicht als Beweis, was du theoretisch aushältst.
Genau darin liegt für mich der stärkste Punkt dieser Serie: Sie macht Ultradistanz zugänglich, ohne sie zu entschärfen. Du bekommst genug Strecke, genug Höhenmeter und genug Ungewissheit, um ernsthaft gefordert zu sein, aber du behältst die Verantwortung in der Hand. Wer gern selbst plant, gern auf wechselndem Untergrund fährt und Gemeinschaft nicht mit Massenstart verwechselt, findet hier ein Format mit Substanz. Wer dagegen vor allem schnelle Segmentduelle sucht, ist bei einer anderen Art von Event besser aufgehoben.
Mein praktischer Rat wäre deshalb klar: Starte lieber mit einer gut passenden Runde, lade die Route am Vortag, prüfe Reifen und Verpflegung doppelt und fahre den ersten Orbit so, dass du am Ende noch weißt, warum du morgen wieder aufs Rad steigen willst.